"Ich war froh, da raus zu sein"

Entdeckt wurde er mit elf Jahren. Knapp 20 Jahre und über 40 Filme und Serien später gehört Tim Oliver Schultz zu den Top-Schauspielern Deutschlands. Schule fand der Berliner immer doof – bis er merkte, was das Ganze wirklich bringt.

 

Viele kennen dich als Leo aus der Serie „Der Club der roten Bänder“. Wie sprechen dich deine Fans auf der Straße an: eher mit Tim oder mit Leo?

Für die Meisten bin ich schon Tim. Allerdings gibt es immer wieder Leute, die schlecht zwischen Film und Realität unterscheiden können. Die rufen dann auch mal „Hey Leo!“.

 

Nervt dich das? 

Nein, weil ich der Rolle des krebskranken Jungen im Rollstuhl viel verdanke. Ich habe vier Jahre lang in der Serie mitgespielt und Menschen dadurch Kraft gegeben, die selbst von Krebs betroffen sind. Das ist ein riesen Geschenk für einen Schauspieler. Doch jetzt freue ich mich auf neue Rollen.

 

Hat dich die Serie verändert?

Na klar. Durch den Erfolg kennen mich nun viel mehr Leute, es haben sich neue Schauspielangebote ergeben. Aber auch persönlich bringt mich jede Rolle weiter: Ich betrachte die Welt nicht mehr nur aus meinen Augen, sondern auch aus der Perspektive der Figur. Das macht mich in gewisser Art immer zu einem anderen Menschen. Ich habe mich extrem viel mit dem Leben, mit Krankheit und dem Tod beschäftigt. Diese Themen wegzuschieben, bringt nichts. Man muss Betroffenen viel eher mit Liebe, Mut und Normalität begegnen. Mitleid ist ein schlechter Begleiter.

 

Was war das Krasseste, das du bisher für eine Rolle getan hast?

Ich bereite mich immer von zwei Seiten auf eine Rolle vor: geistig – wie denkt die Figur, was für Wünsche und Vorstellungen hat sie – und körperlich. Ich habe mir zum Beispiel schon die Haare abrasiert, reiten gelernt und 2017 ordentlich Muskeln aufgebaut für den Film „Song für Mia“. Jetzt gerade gehe ich für eine Rolle jeden Tag ins Fitnessstudio. Krass war auch, für den Film „Systemfehler“ Bass spielen zu lernen und dazu zu singen und zu tanzen. Das schien anfangs total absurd und irgendwann stand ich auf der Bühne und es war vorzeigbar [lacht].

 

Du wurdest mit elf Jahren von einer Berliner Casting-Agentin entdeckt. Wie stressig war es, die Schauspielerei mit Schule zu verbinden?

Anfangs war es ein Hobby. Ich bin zwei Jahre lang regelmäßig zu Castings gegangen wie andere Kinder zum Geigenunterricht. Ich hatte erst ein paar Jobs als Komparse. Dann kamen größere Rollen hinzu. So habe ich mein erstes eigenes Geld verdient und konnte meine damalige Freundin zum Essen einladen. Ich war aber nie so erfolgreich, dass ich für eine Karriere die Schule abgebrochen hätte.

 

Wie hat sich das Abi für dich angefühlt?

Ich war schon froh, da raus zu sein. Die Freiheit danach fand ich großartig. Bis zur zehnten Klasse machte mir Schule keinen Spaß. Ich war nicht sonderlich beliebt, hatte nur wenige Freunde. Außerdem konnte ich mir Sachen schlecht merken. Doch dann habe ich langsam gecheckt, worum es in der Schule wirklich geht: Sich mit interessanten Dingen zu beschäftigen und was für sich mitzunehmen. Geschichte fand ich ab diesem Zeitpunkt toll. Bio, Deutsch und Englisch sowieso. Und in Mathe habe ich erkannt, wie sinnvoll es ist, Prozentrechnen zu können [lacht]. Außerdem habe ich mich dazu entschieden, als Schulsprecher aktiv zu sein. Ich dachte: „Wenn ich jetzt noch ein paar Jahre hier bin, mache ich was draus. Und zwar richtig.“ Ab dann wurde es cool.

 

Würdest du das auch anderen raten – aktiv zu werden, wenn man unzufrieden ist?

Ja, klar! Es bringt nichts, nur dazusitzen und zu sagen „Alles ist scheiße, alles ist langweilig“. Man muss seine Talente produktiv nutzen. Kannst du Leute begeistern? Dann engagier dich in der Schülervertretung und sorge dafür, dass manche Dinge besser werden. Deswegen finde ich auch die Bewegung „Fridays for Future“ so klasse. Da kriege ich jedes Mal Gänsehaut, wenn ich sehe, wie sich Schüler für mehr Klimaschutz stark machen. Ich rate allen: Werdet aktiv, kämpft für euer Ziel!

 

Wie ging es nach dem Abi für dich weiter?

Ich habe mir ein Jahr gegeben, bevor ich was „Richtiges“ mache. Also bin ich gereist und habe unter anderem bei einer Theaterproduktion ein Regie- und Produktionspraktikum gemacht. Die zwei Monate waren ziemlich cool. Ein Freund hat mir damals die Seite „crew-united.com“ empfohlen. Sie bringt Menschen für Filmprojekte zusammen. Darüber habe ich sechs Studierende der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) kennengelernt und sie bei ihrem Erstjahresfilm unterstützt. Ich habe sechs Drehs à drei Tage und alle Leute organisiert, die man dafür braucht: Szenen- und Kostümbildner, Schauspieler, Komparsen. Nur einen Koch habe ich nicht gefunden. Den brauchst du aber, um die Leute am Set zu versorgen. Also habe ich das einfach selbst übernommen und mich so ins Kochen verliebt – was ich bis heute richtig gerne mache.

 

In die „Produktion“ hast du dich dann aber auch verguckt.

Vor allem in die DFFB. Die familiäre Atmosphäre dort hat mich begeistert. Allerdings bin ich nach meiner Auszeit erstmal nach Wien gezogen, um dort „Theater-, Film- und Medienwissenschaften“ zu studieren. Ich glaube, ich war der schlechteste Student, der jemals da studiert hat [lacht]. Ich wusste nicht, wie das mit den ECTS-Punkten läuft. Damit sollte man sich echt frühzeitig beschäftigen: Wie viele braucht man und wie sammelt man sie? Im ersten Semester habe ich sieben von 30 Punkten gesammelt, im zweiten vier und im dritten elf. Dafür habe ich viele andere tolle Dinge gemacht – mich zum Beispiel mit Theater, Politik, Ernährung und Tierhaltung beschäftigt. Ich war also ein schlechter Student in Wien, der trotzdem eine tolle Zeit hatte. Die DFFB ist mir dabei nie aus dem Kopf gegangen. Also habe ich mich für das Studium „Produktion“ beworben und wurde angenommen. Dann hieß es „Tschüss Wien“ und „Welcome back in Berlin“, meine Heimatstadt.

 

Ist Produzent dein Traumberuf?

Ja! Am Set genießt der Produzent großen Respekt. Er ist schließlich für den technischen und den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich. Außerdem kann er kreativ sein und große Ideen verfolgen. Ob ich am Ende wirklich in diesem Job arbeite oder etwa als Drehbuchautor, weiß ich nicht genau. Auf jeden Fall habe ich mit dem Produktionsstudium einen tollen Weg eingeleitet. Und die Schauspielerei bleibt mir ja auch noch.

 

Welche Geschichten möchtest du als Produzent noch erzählen?

Gute Frage. Ich beschäftige mich schon seit Monaten damit, ein Serienkonzept zu schreiben. Das wird mein Abschlussprojekt an der Filmhochschule – ich bin dort nämlich immer noch Student und möchte dieses Jahr abschließen. Für meinen ersten Entwurf habe ich eine Kritik bekommen, die eine komplette Umarbeitung erfordert. Deswegen ist die Frage, was ich erzählen möchte, gerade echt wichtig für mich.

 

Aber hast du auch eine Antwort?

Ich hatte eine. Ich konnte dir genau erzählen, worum es gehen soll, wer mitspielen soll – alles war durchgeplant. Aber jetzt denke ich: „Scheiße, das funktioniert nicht.“ So viel weiß ich: Ich möchte Geschichten erzählen, die unterhalten und herausfordern. Die man sich gerne anschaut, über die man aber zugleich länger nachdenkt. Mich beschäftigt zum Beispiel der Film „Her“ mit Joaquin Phoenix bis heute: Was bedeutet Liebe zukünftig im Kontext von künstlicher Intelligenz?

 

Die Zeitung „Die Welt“ hält dich für ein „Vorbild für Jugendliche“. Was kann man sich von dir abschauen?

[lacht] Das Spannende am Erwachsenwerden ist: Man hört auf zu sagen „Jetzt hab ich’s verstanden“. Die Wahrheit ist: Du hast keine Ahnung von nichts und das ist gut so. Deswegen beschäftigen wir uns mit Dingen, hinterfragen sie und lernen mehr. Wenn’s jemand da draußen gibt, den ich motiviere, eine gute Tat zu vollbringen, dann bin ich happy. Ob Vorbild oder nicht.

 

Das Interview führte Romy Schönwetter

„Werde aktiv und kämpfe für deine Ziele.”
Tim Oliver Schultz war bisher an über 40 Filmen und Serien beteiligt. Aktuell studiert er "Produktion" an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und schreibt an einem eigenen Serienkonzept.
Titel: ganz persönlich

Dein Abischnitt: 2,8. 
+++ An der Schule mochte ich am wenigsten, dass ... ich nicht wusste, wofür ich das alles brauche. Das hat sich später geändert. +++ Erste Freundin mit: 14, die erste richtige. Davor hatte ich eine Knutschfreundin. +++ Schlimmste Klassenfahrt: In der achten Klasse auf die Insel Amrun. Da habe ich mir nämlich die Nase gebrochen, als ich nachts auf die Bettkante gefallen bin. +++ 
Lieblingsfilme: "Einer flog über das Kuckucksnest", "Moonrise Kingdom", "Searching for Sugar Man" +++ An einem Sonntag mache ich am liebsten ... lange schlafen, fett frühstücken, spazieren gehen und den restlichen Tag kochen. +++ Diesen Traum will ich mir noch erfüllen: ein Häuschen mit Garten und Baumhaus, in der Nähe eines Sees. Und mit einem umgebauten VW-Bus Europa entdecken. Ich war erst zwei Mal in Italien.  


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