UBS Chefökonom Dr. Klaus Wellershoff
Spitzname: Sumsili
Als Kind wollte ich: Geschichtsprofessor und Buchautor werden
Das macht mir Spaß: Mit meinen Kindern an der Modelleisenbahn herumbasteln
Erstes Geld verdient mit: 16 Jahren als Nachhilfelehrer (Mathe, Französisch und Deutsch)
Haustier: Zingaro, ein schwarzer Kater
Lieblingsessen: Spiegelei mit Speck
Abi-Note: 1,4


„200 Milliarden Schweizer Franken – Da darf man keine schlaflosen Nächte bekommen“

In welchen Branchen haben Abiturienten von heute die besten Jobaussichten? Wie legt man sein Erspartes am cleversten an? Die Antworten gibt uns Dr. Klaus Wellershoff, Chefökonom der weltgrößten Privatbank UBS.

Bei über fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland: In welchen Branchen haben Abiturienten von heute überhaupt noch Chancen auf guten und sicheren Job?
Der Gesundheitssektor wird stark zunehmen und an Bedeutung gewinnen. Das liegt daran, dass die Menschen immer älter werden. Da entstehen eine Menge neuer Arbeitsplätze! In einem Krankenhaus zum Beispiel muss ja alles immer wie geschmiert laufen. Man braucht Doktoren, Pflegepersonal, Verwaltungsdirektoren, medizinische Geräte und Medikamente. Dieser Bedarf wird zu starkem Wachstum in den Branchen Medizin, Pharma und Medizintechnologie führen. Spannend werden aber auch Dienstleistungen rund um den häuslichen Bereich wie die Gartenpflege.

Was macht man eigentlich als Chefökonom?
Jede große Organisation braucht eine Lagebeurteilung des wirtschaftlichen Umfelds. Eine Bank muss wissen, was an den Finanzmärkten passiert und in Zukunft geschehen wird. Unsere Kunden legen ihr Geld bei uns an und erwarten, dass wir auf diesem Gebiet so gut Bescheid wissen wie kein anderer. Wir untersuchen die volkswirtschaftliche Entwicklung der Länder, die Branchenentwicklung innerhalb der Volkswirtschaften, analysieren die Aktienmärkte und bewerten Immobilien und Rohstoffe. Bei der UBS bin ich auch verantwortlich für die Analysestrategie. Mein Team verwaltet das Vermögen von Unternehmen und Privatpersonen und legt das Geld auf Basis unserer Analysen an.

Der größte Schaden, den eine Fehlprognose von Ihnen ausgelöst hat?
Mein Team und ich machen meistens eher langfristige Analysen. Bis da der große Fehler entdeckt ist, bin ich längst pensioniert (lacht)... Scherz bei Seite, unser Anlageerfolg wird täglich gemessen und wir können eigentlich immer sehen, ob wir richtig oder falsch liegen. Die wirklich großen Fehler sind vermeidbar, weil wir aktives Risikomanagement betreiben.

Eine Katastrophe wie die Flut in Südostasien wirft Ihre ganzen Prognosen aber über den Haufen...
Die Welt ist so kompliziert, dass man natürlich nicht alle Eventualitäten von vornherein berücksichtigen kann. Für den ökonomischen Bereich gilt: Sie ist viel stabiler, als die Leute behaupten. Terroranschläge und Naturkatastrophen haben schlimme Konsequenzen für die betroffenen Menschen. Die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten setzt das aber langfristig nicht außer Kraft. Es gibt immer noch eine Reihe von fundamentalen ökonomisch stabilisierenden Elementen, an denen man sich trotzdem orientieren kann. Wenn man genau hinschaut, hat der 11. September die Welt nicht verändert. Er hat uns auf schreckliche Art und Weise daran erinnert, dass sie kein Kindergarten ist.


Sie arbeiten viel. Wie sieht Ihr Tag aus?
Das Spannende aber auch Anstrengende an meinem Job ist, dass ich ziemlich viel reise. Meine Mitarbeiter sitzen in Frankfurt, Hongkong, London, New York, Sao Paulo, Singapur, hier in Zürich und demnächst auch in Miami - unsere Kunden sind über die ganze Welt verteilt. Morgen Früh geht’s zum Beispiel für eine Woche nach Asien. Die Länge meines Arbeitstages ist extrem variabel. Ich versuche möglichst viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Ich möchte mit meiner Frau und meinen Söhnen frühstücken und den Kleinen danach in den Kindergarten bringen. Am Abend möchte ich - wenn möglich - auch wieder zusammen mit meiner Familie essen. So viel Flexibilität muss sein.

Sie verschieben bis zu 200 Milliarden Schweizer Franken: Wie hoch ist der Turm in Scheinen?
(muss laut lachen)... Nein, das habe ich mir so noch nie vorgestellt. Ich könnte auch nicht mehr ruhig schlafen. Für mich ist das eine sehr reale aber letzten Endes doch intellektuelle Herausforderung. Wenn wir zum Beispiel eine kleine Währungswette nehmen, reden wir über ein bis zwei Milliarden Schweizer Franken, die wir in eine andere Währung investieren. Da darf man keine schlaflosen Nächte bekommen, sonst macht man es nicht richtig und trifft die falschen Entscheidungen.

Was muss ein Abiturient tun, wenn er auch mit diesen hohen Summen arbeiten möchte?
Spaß an der Arbeit ist das Wichtigste. Entscheidet euch für das, was euch wirklich am Herzen liegt und nicht für das, von dem ihr glaubt, dass es euch am meisten Geld bringt. Dann seid ihr die Besten. In der heutigen Arbeitswelt reicht es nämlich nicht mehr, wenn man eine Sache nur ein bisschen gut kann. Und wenn jemand Maler oder Tierarzt werden will, dann hat das genau den gleichen Stellenwert wie ein Job bei der Bank. Noch ein Tipp: Wenn ihr eure erste Stelle aussucht, dann schaut die Leute genau an mit denen ihr in Zukunft zusammenarbeitet. Der erste Chef ist extrem wichtig. Er muss euch begeistern, motivieren und fördern können.

Sie haben nach der Schule eine Banklehre gemacht. War das die richtige Entscheidung?
Die Banklehre möchte ich nicht missen. Später als Berufseinsteiger konnte ich sagen: Hey, ich weiß, was in einer Bank abgeht. Ich war im Tresor, habe im Zahlungsverkehr gearbeitet und mit Devisen gehandelt. Außerdem lernt man, wie der Hase im Büro läuft: Die Bedeutung der Sekretärin vom Chef, Unternehmenskultur und solche Dinge. Dadurch konnte ich viel schneller produktiv werden als Kollegen, die direkt von der Uni kamen.

Wie lege ich mein Erspartes als Abiturient am besten an?
Investiert in eure Ausbildung. Das habe ich damals auch gemacht und es hat sich gelohnt. Als Student habe ich sogar Schulden gemacht. Während meiner Promotion bin ich nach Harvard gegangen. Dort hatte ich zwar ein Stipendium, aber zum Leben hat das natürlich hinten und vorne nicht gereicht. Diese Erfahrung war aber so wichtig für meine Persönlichkeit und meine Karriere, dass es wahrscheinlich die beste Investition meines Lebens war.

Was passiert, wenn Sie mal einen totalen Blackout haben?
Ich muss sehr viel schreiben. Publikationen, Editorials und Zeitungsbeiträge. Das kann ich zu manchen Tageszeiten einfach nicht gut. Ich versetze mich dann in eine bestimmte Stimmung, damit es funktioniert. Am liebsten arbeite ich abends oder nachts. Ich bin jemand, der sich unheimlich gerne eine Tasse Kaffee neben seinen Computer stellt und den herrlichen Duft genießt. Manchmal brauche ich auch Musik, die Geschichten erzählt und in irgendeiner Form tragisch ist. Meine Familie sagt dann immer: „Papi hört wieder seinen Depri-Pop.“

Mit Dr. Klaus Wellershoff sprachen Max Grün und Moritz-Marco Schröder

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