
Hausbesuch bei Silbermond
Seitdem Silbermond vor drei Jahren mit „Symphonie“ ihren ersten Top-Ten-Hit landeten gehören sie zu den erfolgreichsten Bands Deutschlands. Für ihre aktuelle Single „Das Beste“ wurden Stefanie, Andreas, Johannes und Thomas gerade mit der Goldenen Stimmgabel ausgezeichnet. Nach ihrer Tournee hat sich die Band für eine Kreativ-Phase nach Berlin zurückgezogen. Für absolut°karriere hat Silbermond die Studiotür noch einmal geöffnet.
Ihr habt gerade eure Tour beendet. Wie fühlt ihr euch erleichtert, endlich zur Ruhe zu kommen, oder traurig, weil es vorbei ist?
Thomas: Wir haben ein lachendes und ein weinendes Auge. Einerseits gucken wir etwas wehleidig auf die letzten anderthalb Jahre zurück. Denn wir hatten viele unvergessliche Konzerte und sind von den Leuten mit unglaublich viel Euphorie und Emotionen empfangen worden. Andererseits freuen wir uns, dass wir jetzt etwas Neues machen können.
Jetzt habt ihr euch ins Studio zurückgezogen, um neue Songs für euer drittes Album zu schreiben. Wie inspiriert ihr euch?
Thomas: Ich bemühe mich aufzustehen, gut zu frühstücken und mich einfach mit meiner Gitarre hinzusetzen, bis etwas Gutes herauskommt.
Stefanie: So etwas ist einfach da oder es ist nicht da. Man kann sich nicht zwingen und sagen: Ich muss jetzt zehn Stücke in einem Monat schreiben. Der Moment muss einfach der richtige sein. Ich brauche zum Beispiel viel Ruhe und Ordnung um mich herum, um kreativ zu werden.
Was waren die verrücktesten Orte, an denen ihr auf neue Song-Ideen gekommen seid?
Andreas: Das ist von Stück zu Stück verschieden. Texte kann man überall schreiben. In der Oper, im Café oder mit einem Bier in der Hand in der Straßenbahn. Aber es gibt da kein Patentrezept.
Thomas: Oft sind die Orte auch ganz unspektakulär. Zum Beispiel im Proberaum, zu Hause oder im Backstage-Bereich.
Wie sehr beeinflussen die Vorgaben der Plattenfirma eure Kreativität?
Stefanie: Überhaupt nicht. Die Plattenfirma ist dafür da, unsere Platten zu pressen, in die Regale zu stellen und sich um Dinge wie die Video-Produktion, die Fotos für die Autogrammkarte oder unsere Tour-Termine zu kümmern.
Thomas: Wir waren schon immer eine Band, die genau wusste, was sie will, und deshalb lassen wir uns auch von keiner Plattenfirma der Welt die Butter vom Brot nehmen. Wir schreiben alle Songs selbst und können auch bei dem ganzen Drumherum immer mitreden und mitentscheiden.
Wann müsst ihr die nächste Platte abliefern?
Stefanie: In unserer Kreativ-Phase gibt es überhaupt keinen Druck. Es ist auch wichtig, dass wir einfach ohne Stress unser Ding machen können. Deswegen können wir auch noch nicht sagen, ob das nächste Album im nächsten Frühjahr, Sommer oder Herbst herauskommt.
Wie habt ihr eigentlich Schullaufbahn und Karriere unter einen Hut gebracht?
Andreas: Gar nicht (lacht).
Stefanie: Am Anfang war es überhaupt kein Problem. Da hatten wir mit etwas Glück mal samstags und sonntags ein Konzert. Dann fiel es uns montags in den ersten zwei Stunden höchstens ein bisschen schwer, wach zu bleiben.
Johannes: Erst in der Oberstufe waren wir dann öfter unterwegs. Wir haben dann unsere Lehrer gefragt, ob wir mal zwei Tage fehlen dürfen, um zum Beispiel in Berlin etwas aufzunehmen oder an einem Wettbewerb teilzunehmen. Die meisten Lehrer haben uns unterstützt.
Thomas: Andreas hält uns noch bis heute vor, dass wir am Tag vor seiner Abiturprüfung in Geschichte ein Konzert gespielt haben und seine Note deshalb nicht so ausgefallen ist, wie er es sich vorgestellt hatte (lacht).
Habt ihr auch mal mit dem Gedanken gespielt, die Schule abzubrechen?
Stefanie: Nein. Trotz aller Liebe zur Musik haben wir alle die Priorität aufs Abi gelegt. Denn mit dem Abschluss in der Tasche stehen dir ja alle Türen offen. Mit dieser Sicherheit konnten wir nach dem Abi auch sagen: „Wir setzten jetzt mal alles auf eine Karte, gehen nach Berlin und versuchen, Musiker zu werden“. Wenn es nicht geklappt hätte, wären wir eben zurückgegangen und hätten irgendwas anderes gemacht.
Was hättet ihr denn gemacht, wenn es mit der Musik-Karriere nicht geklappt hätte?
Thomas: Das ist echt schwer zu sagen. Denn immer wenn ich bei diesen Informations-Veranstaltungen vom Arbeitsamt war, habe ich schnell gemerkt, dass mich nichts so sehr interessiert wie die Musik. Wahrscheinlich hätten wir alle irgendwas mit Musik studiert.
Die Musikbranche ist unberechenbar. Habt ihr einen „Plan B“, falls Silbermond irgendwann nicht mehr erfolgreich ist?
Stefanie: Plan B ist, Plan B aus der Tasche zu ziehen, wenn Plan A nicht mehr ist. Wenn wir in zehn Jahren merken: Wir haben keinen Bock mehr, können uns nicht mehr leiden und sehen scheiße aus, dann werden wir uns schon irgendwas anderes einfallen lassen.
Johannes: Der eine würde vielleicht bei einer anderen Band spielen, der andere könnte beim Radio arbeiten oder für eine Plattenfirma. Aber im Moment sind wir einfach nur glücklich, dass wir zusammen Musik machen können und wir diesen Plan B nicht brauchen.
Steht ihr noch in Kontakt zu alten Schulfreunden?
Thomas: Sehr engen Kontakt habe ich nur noch zu wenigen Leuten. Aber weil wir ständig unterwegs sind, haben wir oft die Möglichkeit, irgendwo in Deutschland alte Freunde wiederzusehen und ein bisschen in Erinnerungen an die Schulzeit zu schwelgen.
Stefanie: Meine beste Freundin aus der Schulzeit wohnt inzwischen hier in Berlin nur zwei Stationen von mir entfernt und wir sehen uns jeden Tag. Der Kontakt zu anderen, mit denen man früher zwar die Schulbank gedrückt, aber sonst nicht viel unternommen hat, verläuft sich eben im Sande.
Habt ihr auch schon Erfahrungen mit „falschen Freunden“ gemacht, die sich wegen eures Ruhmes an euch gehängt haben?
Stefanie: Klar gibt es Leute, mit denen wir früher gar nichts zu tun hatten, die plötzlich eine E-Mail schicken, sich einschleimen und fragen, ob sie zum Konzert kommen dürfen. Dann schreib ich zurück: Klar, Karten gibt es an der Kasse. Wir mögen es nicht, wenn sich Menschen von früher nur an uns erinnern, weil wir plötzlich auf der Bühne stehen. Das macht uns ja nicht zu besseren Menschen. Dann gibt es aber auch Leute, die wir total gerne mal einladen würden und die dann unerwartet bei einem Konzert vor uns stehen. Dann frage ich mich, warum sie nicht einfach vorher kurz angerufen haben.
Eure Hits werden nicht nur mit zahlreichen Auszeichnungen, sondern auch mit großen Schecks von den Plattenfirmen vergoldet. Welche Wünsche erfüllt ihr Euch, auf die ihr früher als „normale Schüler“ verzichten musstet?
Thomas: Es sind eher kleinere Sachen, die wir uns jetzt gönnen. Früher hatte ich zum Beispiel zwei Gitarren, heute habe ich sieben. Diese Gitarren machen mich glücklich.
Stefanie: Ich genieße, dass ich mal mit Freunden schön essen gehen oder in den Urlaub fahren kann, wenn die Zeit es erlaubt. Aber einen exzessiven Lebenswandel haben wir nicht. Wir fahren auch keine Luxus-Autos, sondern teilen uns ein Auto zu viert. Wir stecken viel von unserem Einkommen in die Zukunft und bauen uns zum Beispiel gerade ein kleines Studio auf.
Klingt solide. Aber ihr seid doch Rockstars. Hand aufs Herz: Wann habt ihr zum letzten Mal ein Hotelzimmer auseinandergenommen?
Andreas: Das ist der Luxus, den ich mir leiste. Man gibt am Empfang die Kreditkarte ab und dann fliegt der Fernseher aus dem Fenster (lacht).
Thomas: Mal im Ernst, wir versuchen bodenständig zu bleiben. Zum Musik machen gehört sehr viel Arbeit, auch wenn das nur schwer vorstellbar ist. Wir stehen nicht erst spät nachmittags auf, noch ganz gerädert von der letzten After-Show-Party, gehen kurz auf die Bühne, fangen Applaus ab und sacken ´ne Million ein. Teilweise sind wir 22 Stunden am Stück beschäftigt, kommen nur selten nach Hause und können ganz schwer abschalten.
Andreas: Wenn wir uns jeden Abend abschießen und ein Hotelzimmer zerstören würden, könnten wir am nächsten Tag kein gutes Konzert spielen. Und das ist und bleibt unser größter Anspruch an uns selbst.
Mit Silbermond sprach Jan Philipp Burgard |
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