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Bundesministerin Renate Schmidt
Spitzname: Kokki, (als Kind gewesen)
Als Kind wollte ich: Astronautin, Physikerin oder Richterin werden
Das macht mir Spaß: Pilze sammeln, Kochen, Radfahren
Erstes Geld verdient mit: 17 als Programmiererin
Haustier: Hab keines mehr, weil ich in einer Mietwohnung wohne. Früher meine Katze Nelly
Lieblingsessen: Leider alles, außer Quittengelee
Abi-Note: Kurz vor dem Abi bin ich von der Schule geflogen. |
„Verliert man seine Neugier, ist man verloren!“
Kurz vor ihrem Abitur ist sie von der Schule geflogen. Trotzdem hat es Renate Schmidt bis ganz nach oben geschafft. Als Bundesministerin für Familie, Senioren Frauen und Jugend arbeitet Sie heute im Kabinett mit Kanzler Gerhard Schröder zusammen. Auf dem Balkon ihres Berliner Büros erzählt sie uns von der Angst vor ihrer ersten Bundestagsrede und verrät, was man alles drauf haben muss, um Politiker zu werden.
Frau Schmidt, warum sind Sie in der 12. Klasse von der Schule geflogen?
Als ich 17 war bin ich schwanger geworden. Unser Direktor hatte dafür kein Verständnis und hat mich der Schule verwiesen. Er hat behauptet, ich hätte Schande über seine Schule gebracht. Wie absurd! Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen! Der Rausschmiss aus der Schule hat mich stark getroffen und geprägt.
Danach waren Sie nie mehr auf einem Gymnasium und haben Ihr Abitur auch nicht nachgemacht?
Nein. Nach der Geburt meines Kindes hätte ich die Schule sowieso abbrechen müssen. Meine Eltern hatten nicht viel Geld und die meines Freundes und späteren Mannes auch nicht. Unsere Mütter haben beide gearbeitet und hätten gar keine Zeit zum Babysitten gehabt. Trotzdem war ich damals glücklich. Mein Freund und unsere Familien haben voll und ganz zu mir gestanden. Da gab es keine Probleme. Und genau das ist der Punkt: Man muss zuversichtlich sein, wenn man ein Kind aufziehen möchte. Diese Zuversicht muss in unserer Gesellschaft noch gestärkt werden. Das heißt für mich: Familienzusammenhalt.
Ist das Ihr Ernst? Diese ganze Ungewissheit hat Ihnen nichts ausgemacht: Von der Schule geflogen, kein Abitur und mit 17 schon Mutter...
Natürlich. Aber das war absolut kein Weltuntergang für mich. Im Gegenteil: Es war rückblickend einer der größten Glücksumstände meines Lebens. Und ich weiß im Nachhinein nicht, ob ich beruflich so erfolgreich gewesen wäre, wenn mein Lebensweg ganz „normal“ verlaufen wäre...
Sie sind an dieser Herausforderung gewachsen...
...Und wie! Kurz nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich eine Ausbildung zur Programmiererin gemacht und mich anschließend zur Systemanalytikerin fortgebildet. Später habe ich mich dann sogar selbstständig gemacht. In dieser Zeit habe ich noch zwei Kinder auf die Welt gebracht. Und eins könnt ihr mir glauben: Es ist eine große Herausforderung, drei Kinder, einen Beruf und alles was sonst noch dazu kommt zu managen, selbst gemeinsam mit meinem Mann. Aber mit der Zeit baut man eine enorme Energie auf. Nach der Geburt meines dritten Kindes habe ich beispielsweise schon nach zwei Wochen wieder die ersten Geschäftstermine gehabt. Irgendwie musste das Geld ja reinkommen.
Raten Sie allen 17 oder 18 Jährigen so früh zu „starten“ wie Sie...?
Um Himmelswillen! Natürlich nicht! Aber ich sage, dass Kompetenzen, die man in der Familie erwirbt, ganz wichtige Softskills für das Berufsleben sind. Wie organisiere ich? Wie bekomme ich unterschiedliche Interessen unter einen Hut? Und wie erreiche ich am Schluss das beste Ergebnis? Wenn man es schafft, den Urlaub für eine sechsköpfige Familie zu organisieren und zwar so, dass am Ende alle glücklich sind, dann hat man eine Führungsaufgabe „par excellence“ gemeistert. Und viel anders schauen Führungsaufgaben in Unternehmen auch nicht aus.
Gerade die Themen Familie und Kinder interessieren Abiturienten aber doch überhaupt nicht. In Magazinen für Schulabgänger liest man heute nur noch von großen Einstiegsgehältern, raschem Aufsteigen und dem Absolvieren möglichst vieler Praktika...
In solchen Zeitschriften spielen die Familie und andere gesellschaftliche Werte leider oftmals eine Nebenrolle. Hier wird auf eine einseitige berufliche Linie abgezielt und das ist falsch. Die meisten Menschen wollen beides, Beruf und Familie. Außerdem ist es so: Wenn in unserem Land nicht die Kinder geboren werden, die sich junge Menschen wünschen, werden wir auch auf Dauer keinen ökonomischen Erfolg haben können. „Kinder ja oder nein?“, das ist nicht nur eine private, sondern auch eine ökonomisch ungeheuer bedeutsame Entscheidung. Sie wird unsere Zukunft prägen. Insofern haben diese Zeitschriften meiner Meinung nach einen falschen Blickwinkel.
Wie würden Sie das Interesse junger Menschen für Familie und Kinder wiederbeleben?
Wir brauchen einen Mentalitätswechsel: Wir Deutsche sind ja gerne die Oberjammerer. Wenn in unserem Land Kinder immer nur als Plage, Sorge oder Risiko bezeichnet werden, dann funktioniert natürlich gar nichts. Man muss öfter darüber reden, was Kinder wirklich sind: Glück, Erfüllung und das Gefühl, dass etwas von einem selbst auf dieser Welt bleibt. Diesen Mentalitätswechsel bekommt man unter anderem durch die Medien hin: Wenn Kinder in einem höheren Maße positiv präsent sind, wird es wieder ein Stückchen attraktiver und normaler, welche zu bekommen. Kinder sind nämlich das Normalste der Welt.
Warum denken Sie, dass Sie die Richtige für das Amt der Familienministerin sind?
Weil ich eine Menge Lebenserfahrung auf diesem Gebiet habe. Ich glaube, dass nicht sehr viele Menschen in so unterschiedlichen Familiensituationen gelebt haben wie ich. Und ich habe das theoretische Rüstzeug, um in diesem Bereich etwas bewegen zu können.
Man sagt, Sie sind eine Power-Frau...
(lacht)... Was immer das sein mag...
Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Mein Motto ist: „Tue als Erstes immer das, wovor du am meisten Angst hast!“ Man darf die Dinge nicht auf sich zu kommen lassen. Man muss sie selber in Angriff nehmen!
Vor welchen Situationen hatten Sie Angst in Ihrem Leben?
Vor meinem Berufseinstieg als Systemanalytikerin. Ich kannte keinen der Kollegen, war die Jüngste von allen, im fünften Monat schwanger und hatte keine Ahnung, was man von mir verlangen würde.
Ein anderer Moment, bei dem mir das Herz in die Knie gerutscht ist, waren die Minuten vor meiner ersten Bundestagsrede im Jahr 1982. Da saßen mir die heutigen Altkanzler Helmut Schmidt und Willy Brandt gegenüber. Aber als ich es überstanden hatte, war ich mächtig stolz auf mich, weil ich ein Stück weit an mir selber gewachsen war.
Welchen Tipp geben Sie jungen Menschen mit auf den Weg, die später eine Karriere in der Politik anstreben?
Nicht von vornherein sagen „Ich möchte Bundeskanzler“ werden. In anderen Positionen kann man auch sehr viel bewegen. Man muss sich immer wieder in das Geschehen um einen herum einmischen, mitentscheiden und sich nie vom Wissen das Denken verbieten lassen. Und vor allem: Nie aufgeben! Eine weitere Erkenntnis, die für das ganze Leben gilt: Verliert man seine Neugier, ist man verloren. Immer wenn sich eine neue Situation ergibt, in der man die Chance hat, sich weiterzuentwickeln, darf man nicht zögern und sich fragen: Bringt mir das jetzt finanziell gesehen mehr oder zusätzliches Ansehen? Man muss darauf achten was einem Spaß macht, dann ist man auf diesem Gebiet immer top.
Was kritisieren Sie an sich selbst?
Ich habe eine gewisse Dampfwalzen-Mentalität. Ich neige dazu, Menschen zu überrollen. Frei nach dem Motto: Schmidt kam, sah und siegte. Und dann ist keiner mehr außer mir in einem Raum, bei irgendeinem Thema oder Projekt. Und hinterher mache ich dann oft alles selber und überfordere mich dabei.
Und Ihre größte Stärke?
Die Liebe zu den Menschen und meine Absicht etwas Vernünftiges tun zu wollen.
Mit Renate Schmidt sprachen Max Grün und Moritz-Marco Schröder |
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