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HNS-Leiter Professor Christoph Fasel
Als Kind wollte ich: Erst Lokomotivführer, dann Pilot werden
Das macht mir Spaß: Mit meinen vier Kindern spielen, Sachbücher schreiben
Erstes Geld verdient mit: Zeitungen austragen (mit 16)
Haustier: Wegen meines Lebenswandels leider nicht möglich
Lieblingsessen: Lübecker Marzipan
Abi-Note: 2,5 |
„Journalismus ist Handwerk. Wenn ihr gute Handwerker seid, werdet ihr auch gute Journalisten“
Die Henri-Nannen-Schule (HNS) in Hamburg ist eine der renommiertesten Journalistenschulen in Deutschland. Prof. Dr. Christoph Fasel gehört fast schon zum Inventar er besuchte die Kaderschmiede als Schüler von „Journalisten-Papst“ Wolf Schneider, wurde Redakteur beim Stern und Chefredakteur bei Reader´s Digest. Seit Januar 2006 leitet Fasel die Schule. In absolut°karriere spricht er über die Karriere-Chancen für Nachwuchsjournalisten und gibt Tipps für den berühmt-berüchtigten Aufnahmetest der HNS.
Die Medienbranche steckt immer noch in einer Krise, in vielen Redaktionen herrscht Einstellungsstopp. Sollten sich junge Menschen mit dem Berufsziel „Journalist“ besser nach einem anderen Job umsehen?
Nein, auf gar keinen Fall. Wer wirklich Journalist werden will, weil es ihn dazu treibt, weil er neugierig, witzig, nachdenklich ist und weil er glaubt, die handwerklichen Fähigkeiten und den Biss mitzubringen, diesen Traumjob auszufüllen, der sollte es nach wie vor machen. Bis jetzt haben sich in allen Berufsfeldern die Voraussagen immer als falsch erwiesen, sich den Beruf nach der Marktlage zu wählen. Denn wenn man dann irgendwann mit seiner Berufsausbildung fertig ist, hat sich die Marktlage meistens schon wieder verändert. Deshalb kann ich jedem nur sagen: Auch wenn es schwierig wird wer wirklich Journalist werden will, sollte es auch versuchen!
Wer früher die renommierte Henri-Nannen-Schule absolviert hatte, konnte sich einer Festanstellung bei Spiegel, Zeit und Co. sicher sein. Ist das heute immer noch so?
Nein, das ist heute nicht mehr so und es kann auch nicht mehr so sein, weil sich die Medienlandschaft im Rahmen der Medienfinanzierungskrise stark verändert hat. Sicherlich ist es heute härter einen Job zu finden, weil auch die großen „Schlachtschiffe“ nicht mehr so viele Planstellen besetzen wie früher. Auch wenn die HN-Schüler heute nicht mehr sofort beim Stern oder Spiegel einsteigen, denke ich, dass sie über einen Entwicklungszeitraum bei einer Tageszeitung immer noch die Chance haben, irgendwann ihren Traumjob bei einem großen Magazin zu bekommen.
Woran erkennen Sie das Talent eines Nachwuchsjournalisten?
Das ist jemand, der neben den handwerklichen Fähigkeiten natürlich soziale Fertigkeiten mitbringt. Jemand, der wach und neugierig ist, der nicht locker lässt beim Nachfragen, der an anderen Menschen interessiert ist. Solch ein Talent sollte Lust und Freude am Leben haben. Ein Misanthrop ist meistens ein schlechter Journalist, weil er es nicht schafft, seinen Gesprächspartner „aufzuschließen“. Kurzum: Jemand, der sozialkompetent ist und Lust hat, den Dingen auf den Grund zu gehen und der dabei natürlich auch sorgfältig arbeiten kann, bringt die Grundvoraussetzungen für den Job mit.
Verraten Sie uns den „Königsweg“ in den Journalismus?
Es gibt keinen Königsweg, aber viele Wege führen nach Rom. Das kann zum Beispiel ein Volontariat bei einer angesehenen Tageszeitung sein oder ein guter Studiengang, wie er beispielsweise in Leipzig angeboten wird. Selbstverständlich kann das auch eine Journalistenschule wie die in München oder die HNS in Hamburg sein. Es kommt letztlich auf das an, was man einzubringen bereit ist. Ich sage meinen Schülern immer: Haltet nicht die Nase hoch, sondern seid bereit, das Handwerk zu lernen. Wenn ihr gute Handwerker seid, werdet ihr auch gute Journalisten. Und ihr habt viel Spaß im Job.
Bei welchem Medium ist die Jobperspektive für Nachwuchsjournalisten momentan am besten im Printbereich, Radio, TV oder Online?
Schwer zu sagen. Deshalb setzen wir an der HNS auch mehr denn je auf eine multimediale Ausbildung. Wir versuchen den Schülern den Zugang zu allen möglichen Content-Kanälen zu vermitteln. In all diesen Medien liegen Zukunftschancen, wenn eine zündende und überzeugende publizistische Idee dahinter steckt.
Was ist der Vorteil der Journalistenschule gegenüber einem Volontariat oder einem Journalistikstudium?
Die Journalistenschule vermag den Schülern in komprimierter Form all das beizubringen, was sie sonst in der Kürze der Zeit nicht erlernen könnten. Außerdem bietet die HNS den Kontakt zu allen wichtigen Medien. Bei uns tauchen jeden Tag zwei, drei hochkarätige Referenten auf, das Wissen wird also sehr praxisnah vermittelt. Das ist in anderen Ausbildungsgängen häufig in dieser Form so nicht gewährleistet.
Der „Journalistenpapst“ und ehemalige Leiter der HNS, Wolf Schneider, ist legendär für seinen Ruf als „Schleifer“. Seine Nachfolgerin Ingrid Kolb galt als „gute Mutter“ der Schule. Was für ein Typ sind Sie?
Wenn Wolf Schneider jemand war, der preußische Tugenden geliebt hat, und Ingrid Kolb eine Frau, die sehr stark eine mütterliche Ader entwickelt hat, bin ich vielleicht von beiden ein bisschen. Ich versuche in guter Tradition das beste aus beiden weiterzuentwickeln. Hinzu kommt vielleicht noch, dass ich Vater von vier Kindern bin. Deshalb weiß ich, dass man nicht richtig lernt, was man nicht gerne lernt. So ist die Mischung aus Einfühlungsvermögen und Leistung, aus Fördern und Fordern wohl der richtige Weg.
Verraten Sie uns einen Geheimtipp, um das harte Auswahlverfahren der Henri-Nannen-Schule zu überstehen?
Versucht nicht, dem Mainstream zu folgen. Seid ihr selbst. Habt keine Angst vorm Scheitern. Ich kenne viele sehr erfolgreiche Journalisten, die HN-Schüler geworden sind, weil sie sich zwei oder drei Mal beworben haben und beim dritten Mal genommen worden sind. Außerdem sind die Abstände zwischen Aufgenommenen und Abgelehnten oft so gering, dass wir die Absagen mit blutendem Herzen schreiben müssen. Also: Mut haben und ran! Ich selbst bin damals relativ unbedarft zum Auswahltermin gefahren und wurde genommen.
Welche Tipps geben Sie Praktikanten, die bei einem Medium den viel zitierten „Fuß in die Tür“ bekommen wollen?
Man muss an den Türen zu den Redaktionen rütteln wie unser ehemaliger Bundeskanzler damals am Kanzleramt in Bonn. Setzen Sie sich ein, ziehen Sie sich nicht gleich bei der ersten Absage schmollend zurück. Der gute Praktikant hat Lust und zeigt Hartnäckigkeit. Greift nicht gleich nach den Sternen und versucht nicht, sofort im Feuilleton einer großen Zeitung anzufangen. Der Weg beginnt in der Grasnarbe, in den Lokalredaktionen. Dort lernt man das Handwerk von der Pike auf. Auch die Henri-Nannen-Schüler gehen in die Lokalredaktionen.
Sie sind der erste Leiter der Henri-Nannen-Schule, der selbst aus ihr hervorgegangen ist. Wie fühlt sich die Metamorphose vom Schüler zum Lehrer und Leiter an? Geben Sie uns eine kurze Bilanz.
Im Grunde war es ja eine Rückkehr in ein mir weitgehend vertrautes Gebiet. Natürlich hat sich die Schule weiterentwickelt in den 18 Jahren, seit ich sie als Absolvent verlassen habe. Aber weil ich schon seit langem auch als Dozent an der HNS tätig bin, war es natürlich kein großer Kulturschock, hierher zu kommen. Der Journalismus ist sicherlich nicht leichter geworden,
gerade deshalb ist der traditionelle Anspruch der Schule exzellenten Nachwuchs auszubilden und Schneisen in den Dschungel von Informationen zu schlagen, auch der Anspruch, den ich mir auf die Fahne geschrieben habe.
Vor welchen Tendenzen im deutschen Journalismus warnen Sie Nachwuchsjournalisten?
Ich prangere das Verschwinden der gründlichen Recherche an. Wir brauchen die Rückkehr zu alten journalistischen Tugenden. Ich verlange nichts anderes als das, was das Handwerk wirklich ausmacht: Keine Ein-Quellen-Berichterstattung, Transparenz in den Quellen und hartnäckiges Nachfragen. Außerdem missfällt mir die unsägliche Banalisierung der Nachrichten, wie sie sich leider Gottes in den Privatsendern am meisten zeigt. Was da teilweise geboten wird, hat mit Journalismus nichts mehr zu tun.
Ist die Allgemeinbildung der Abiturienten von heute noch ausreichend?
Das ist ein schwieriges Thema. Jede Generation hat immer auf die nachfolgende geschimpft, weil die nicht mehr das wusste, was man selber mal zu wissen glaubte. Ich selbst bin da etwas vorsichtig, denn die jungen Leute von heute beherrschen andere Sachen wie den Umgang mit dem Internet. Dennoch gibt es leider eine klare Tendenz, dass Allgemeinbildung nicht mehr das höchste Gut von allen zu sein scheint. Aber ein breites Wissen ist für den Journalisten wichtig, um Plausibilitäten überprüfen zu können. Deswegen muss man überall schnüffeln und viel lesen.
Welche Pflichtlektüre empfehlen Sie?
Unbestritten ist, dass die Süddeutsche Zeitung eine der besten Tageszeitungen in Deutschland ist und der Spiegel natürlich inhaltlich eine große Rolle spielt. Der Stern hat eine riesige Reichweite und Die Zeit ist ein Medium, das viel Orientierung bietet. Die Auswahl an Qualitätsmedien ist in Deutschland so groß wie nirgendwo sonst in Europa, aber die genannten Zeitungen und Magazine sind meine unentbehrliche Lektüre.
Mit Prof. Dr. Christoph Fasel sprach Jan Philipp Burgard |
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