„Mit 17 war mir wenig peinlich“

Christian Ulmen hat immer das gemacht, was er gerade wollte – und sich so ständig weiterentwickelt. Heute ist er nicht nur Schauspieler und Moderator, sondern auch Produzent. Was an ihm vorbeigegangen ist? Der Theologe. Im Interview spricht Christian über Religion, Talente und seine Schulzeit

Christian Ulmen in seiner Rolle als Super-Nerd Uwe Wöllner. Auf www.ulmen.tv/chatroulette könnt ihr mit ihm chatten

Den Namen Christian Ulmen verbinden wohl die meisten mit dem Schauspieler und Moderator. Als was bezeichnen Sie sich selbst?
Ich muss mich ja Gott sei Dank gar nicht bezeichnen. Beim Finanzamt werde ich, glaube ich, als „freier Künstler“ geführt. Sonst hab‘ ich meinen Beruf lange nicht mehr angeben müssen.

Sie haben bereits während Ihrer Schulzeit beim Radio gearbeitet. Andere tragen in dem Alter maximal Zeitungen aus.
Naja. Manche umsegeln sogar mit 14 Jahren schon die Welt, gewinnen Schach-Turniere oder helfen Griechenland mit irren Finanzkonzepten bei „Jugend forscht“. Dagegen war ich unterer Durchschnitt. 

Sie haben für Ihre Arbeit als 15-Jähriger Ihren ersten Preis bekommen.
Bei den Bundesjugendspielen hat es bei mir nicht mal für eine Siegerurkunde gereicht. Aber Leute interviewen und am analogen Videoschnittplatz kleine Reportagen basteln – das konnte ich ziemlich gut. Diese Auszeichnung hat mein Unvermögen auf allen anderen Ebenen freundlich ausgeglichen, mehr nicht.

Inzwischen haben Sie im Medienbereich schon so ziemlich alles ausprobiert, was man nur ausprobieren kann: Radio, Zeitung, Fernsehen, Kino ...
Radio, Zeitung, Fernsehen und Kino sind ja artverwandte Gurken. Ich bin zum Beispiel sehr schlecht mit Tieren. Töpfern kann ich auch nicht. Zu Sudoku fehlt mir die Geduld. Da bleiben ja nur noch Kino und Fernsehen ...

... und die Arbeit als Produzent: Momentan produzieren Sie unter anderem die Stuckrad Late Night auf ZDFneo, sind dort auch aufgetreten.
Eigentlich ist das meine hauptsächliche Leidenschaft, und das mache ich, seit ich 16 bin. Die Schauspielerei ist ein ernstes Hobby, eine sehr ausgedehnte und durchaus lukrative Freizeitbeschäftigung.

Wollten Sie immer schon im Medienbereich arbeiten? Oder träumten Sie als Kind noch davon, Astronaut zu werden?
Meine Astronauten waren die Nachrichtensprecher. Ich habe Karl-Heinz Köpcke (Anm. d. Red.: war von 1959 bis 1987 Tagesschau-Sprecher) sehr bewundert und wollte als Kind immer Tagesschau-Sprecher werden. Heute bin ich froh, dass daraus nichts geworden ist und ich nicht so reden muss wie Judith Rakers zum Beispiel (Anm. d. Red.: moderiert seit 2005 die Tagesschau).

Was ist daran so schlimm?
Einerseits liebe ich das Altehrwürdige der Tagesschau, andererseits hat der Betonungs-Fetisch einiger ihrer Sprecher als Relikt aus den ganz frühen Fernsehjahren inzwischen etwas arg Tantchenhaftes. Ich kann der Tagesschau fast gar keine Infos mehr abgewinnen, weil ich die ganze Viertelstunde über damit beschäftigt bin, mich an der betulichen Aussprache von Judith Rakers abzuarbeiten. Ich habe immer das Gefühl, die will unbedingt eine Eins in Lesen haben und legt sich so ins Zeug dafür, dass es mich einfach wahnsinnig anstrengt.

Was strengt Sie im Job so richtig an?
Als Schauspieler hat man ziemlich viele Leerlaufphasen während eines Drehs, in denen man sich im Wohnmobil langweilt. Die Abwesenheit von 3G kann einen da fertig machen. Ansonsten muss ich wirklich sagen, dass ich das Riesenglück habe, genau das Leben zu führen, das ich mir als sehr junger Mensch immer ausgemalt hatte. In allen Facetten.

Ihr Sprungbrett in dieses Leben war London: Nach dem Abi haben Sie dort direkt einen Job bei MTV ergattert. Haben Sie sich nie von Ihren Eltern anhören müssen: „Junge, mach doch erst mal was Vernünftiges“?
So plump haben sie es nicht versucht. Aber die Sorge, MTV könne mich in die Gosse führen, die war schon spürbar, ja. Meine Eltern hätten nachts besser geschlafen, wenn ich mit dem Abitur statt nach London lieber in die Uni gegangen wäre.

Was wären Sie heute, wenn es nach Ihren Eltern gegangen wäre?
Wahrscheinlich doch eher Tagesschau-Sprecher, aber mit abgeschlossenem Theologiestudium.

Sie haben sich nach dem Abi tatsächlich zunächst für ein Theologiestudium eingeschrieben, es dann aber nie begonnen. Welche Rolle spielt das Thema Religion im Leben von Christian Ulmen?
Ich bin Agnostiker. Das ist übrigens kein verkappter Atheist, der sich nur nicht traut, zuzugeben, dass er nicht an Gott glaubt. Und der sich ein Hintertürchen offen lassen will, wie die hinreißende Charlotte Roche das Wesen des Agnostikers mal niedlich verulkte. Es ist der einzig vernünftige Umgang mit der Tatsache, dass wir alle nix wissen.

Das müssen Sie genauer erklären, bitte …
Für unsere Herkunft gibt es weder auf wissenschaftlicher noch auf religiöser Ebene bewiesene Erklärungen. Der Atheist flieht in die Überzeugung, es gebe keinen Gott, die er aber auch nicht beweisen kann. Der Agnostiker ist letztlich aufgeräumter und sagt: Ich weiß es schlichtweg nicht.

Auch Ihr nächster Film „Wer’s glaubt, wird selig“ von Marcus H. Rosenmüller hat einen religiösen Bezug: Ihr Filmcharakter Georg ist indirekt Schuld am Tod seiner Schwiegermutter und will diese nun heiligsprechen lassen. Wie kommt es, dass Christian Ulmen in einer bayerischen Provinz-Komödie mitspielt?
Filme von Marcus H. Rosenmüller spielen oft in der Provinz, das ist richtig. Aber gegen seine Filme wirken viele Blockbuster-Romantic-Comedys aus großen Metropolen wie hinterwäldlerischstes Dorf-Fasching. Rosenmüller macht die modernsten Filme der Welt. 

In Ihrem Film „Jonas“ haben Sie sich als Schüler verkleidet und sind noch einmal zur Schule gegangen. Auf Spiegel Online hieß es, die größte Aussage des Films über die Schule sei, dass „ein Erwachsener sich nur verkleidet dorthin zurück traut“. Ist das so?
Auf jeden Fall ist es eine knallharte Konfrontation mit den alten Schulängsten, wenn man da mit Mitte Dreißig wieder hingeht. Egal ob kostümiert oder nicht: Die Angst, vom Lehrer drangenommen zu werden, ohne eine Ahnung zu haben, oder eine Sechs zu kassieren, ist sofort wieder da – Schule sitzt tiefer, als wir meinen. Probieren Sie es mal aus.

Lieber nicht … Wie wichtig war Schule damals für Sie, als Sie noch Schüler waren?
Total wichtig.

Warum?
Das war der Hort meiner sozialen Kontakte. Da habe ich Mädchen geärgert und all das. Bin da immer sehr gerne hin. Mit derselben Leidenschaft habe ich aber auch den Unterricht gehasst und sehr unter meiner Mathe-Schwäche gelitten.

Apropos Schwächen: Bei welcher Erinnerung an Ihre Schulzeit werden Sie heute noch rot?
Das ist ja das Tolle an der Pubertät: Sie entschuldigt für alles, legitimiert Vollidiotie.

Sie schämen sich also für nichts?
Richtig. Da muss ich mich auch retrospektiv nicht schämen. Ein Pubertierender hat sich gefälligst daneben zu benehmen und peinlich zu sein. Später gibt es keine Chance mehr, das ohne roten Kopf tun zu können.

Werden Sie denn überhaupt rot, wenn Ihnen etwas peinlich ist?
Heute ja. Seltsamerweise. Als Jugendlicher war mir wenig peinlich.

Was lässt Sie denn inzwischen so richtig tomatenrot anlaufen?
Heute schäme ich mich schon, wenn ich an der Kasse länger brauche, um das Kleingeld aus dem Geldbeutel zusammenzukratzen und die Schlange hinter mir kollektiv ungeduldig wird.

Ihr absoluter Horror?
In einer ruhigen Schlange beim Bäcker anzustehen und etwas weiter vorne ruft einer: „Ey, krass, da steht der Ulmen“, worauf sich alle umdrehen. Getoppt wird das durch die Frage des Hintermannes: „Entschuldigen Sie, wieso ruft der so? Muss man Sie kennen?“

Christian Ulmen leidet also in der Bäckerschlange. Und Ihre Lehrer? Welcher hat denn während Ihrer Schulzeit unter Ihnen am meisten gelitten?
Wir haben unseren Religionslehrer beim Abi-Ball persifliert. Der Lehrer schlief manchmal während des Unterrichts ein, worüber wir einen Knallergag nach dem anderen raushauten.

Das war sicher nicht schön für ihn…
Er kam noch während des Abi-Balls hinter die Bühne und weinte. Das war furchtbar. Noch furchtbarer war aber, dass ich dann sofort mit einem Kumpel auf die Bühne bin und wir uns für unsere Persiflage vor dem Publikum entschuldigten. Das war extrem peinlich alles. Da werde ich heute übrigens doch noch rot…

Das Interview führte Wiebke Henke

„Die Sorge, MTV könne mich in die Gosse führen, war schon spürbar bei meinen Eltern.”
Bei MTV Europe startete der Hamburger Jung seine Karriere. Seinen Eltern wäre es lieber gewesen, Christian Ulmen wäre zur Uni gegangen.
Christian Ulmen auf der Berlinale 2008. Im gleichen Jahr erhielt er für seine Rolle in der Serie „Dr. Psycho“ den Adolf-Grimme-Preis
Titel: ganz persönlich Spitzname: Ulm +++ Abi-Note: 3,4 +++ Hobbies: Filme +++ Lieblingsessen: Rumpsteak mit Thymian eingerubbelt +++ Zu Hause ausgezogen mit: 19 +++ Ein Film, den ich gar nicht oft genug anschauen kann: Fight Club +++ Mein größtes Talent: Kochen +++ Meine größte Schwäche: Kochen +++ Die besten Ideen kommen mir … im Schlaf +++ Mein Fußballverein und warum ich ihn so sehr liebe: Hertha BSC. Man fragt einen Fan nicht nach dem Warum. +++ „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ oder „Der frühe Vogel kann mich mal“? Leider beides +++ Dahin will ich unbedingt mal reisen: Uganda +++ Bei dieser Fernsehsendung schalte ich sofort ab: Ich schalte nie ab. +++ Nebenjobs während des Abis: Turnschuhe verkaufen bei Karstadt Spiel & Sport +++ Wenn ich schlechte Laune habe … pöbele ich auf der Straße Menschen an

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