Von allen Sinnen!

Jeder von uns lernt anders. Denn unsere Sinne sind unterschiedlich ausgeprägt. Deshalb gilt für die optimale Abitur-Vorbereitung: Finde deine eigene Lernstrategie. So klappt’s mit der Bestnote.

Autor: Peter Hummel // Fotograf: Bernhard Huber für absolut°karriere

Lerntypen im Vergleich

Jedes Jahr dasselbe: Wenn man endlich wieder im Café seinen Cappuccino trinken und die Winterjacke in den Keller packen könnte, dann, ja, dann wird es eng. Jedenfalls für die Abiturienten, die in ihren Zimmern lernen und die Tage zählen, bis der Stress endlich vorbei ist. Leere Energy-Drink-Dosen häufen sich an, Schokoladenpapiere sowieso, Punkte werden gezählt, Wahrscheinlichkeiten abgeschätzt. Und kurz vor knapp wird weniger Wichtiges von ganz Wichtigem unterschieden. Konfuzius hat gesagt: „Etwas lernen und mit der Zeit darin geübter werden, ist das nicht auch eine Freude?“

Nun, klingt nicht so ganz nach dem Alltag eines Schülers, der das Abitur vor Augen hat und der den Spruch „Man lernt nicht für die Schule, sondern fürs Leben“ nicht mehr hören kann. Auch nicht: „Du packst das schon.“ Oder, ganz schlimm: „Lass dich nicht verrückt machen.“ Wer auf das Abitur oder eine andere Prüfung lernt, ist letztlich der einsamste Mensch weit und breit und die Frühlingsgefühle beschränken sich in der Regel auf Angst, Panik und manchmal auch Wut. Wut auf die Schule, auf die Schlauberger, denen alles von alleine zufliegt. Vor allem aber auf sich selber und das eigene Hirn, das im Minutentakt die Meldung absetzt, dass der Festplattenspeicher seine maximale Kapazität erreicht hat.

Eine Frage des Lerntyps

Manche versuchen, Lernallianzen mit anderen zu bilden – nur leider funktioniert das fast nie. Der Grund ist, dass jeder ein anderer Lerntyp ist und eine eigene Strategie anwendet. Anders gesagt: Jeder hat eine bevorzugte Art, Informationen zu verarbeiten, zu verstehen und letztlich auch zu behalten. Zumindest fur einen bestimmten Zeitraum. Ein Beispiel: Wenn man etwa vor der Aufgabe steht, eine Uhr zu konstruieren, klappt das beim einen besser, indem man ihm das Prinzip wortwörtlich erklärt. Ein anderer muss sich dagegen physisch mit den Einzelteilen auseinandersetzen. Womit diese Lernunterschiede zu tun haben, hängt von verschiedenen Faktoren ab, allerdings nicht von der Intelligenz. Entscheidend sind, so die Gehirnwissenschaftler, kognitive, emotionale und umweltbedingte Einflüsse. Kurzum: Jeder von uns ist anders, lernt anders, verarbeitet Infor- mationen anders. Tatsächlich lassen sich die unterschiedlichen Lernstile in vier konkrete Typen unterscheiden: den Auditiven, den Visuellen, den Motorischen und den Kommunikativen. Wer weiß, zu welcher Gruppe er gehört, kann seine Lernergebnisse auf Dauer verbessern: Teste dich jetzt. So sparst du in der Vorbereitung auf jede Prüfung eine Menge Zeit.

Vincent, der auditive Lerner; Foto: Bernhard Huber

Der auditive Lerntyp

Vincent, 17 Jahre alt, 12. Klasse, Abitur 2018

Ihm fällt es besonders leicht, gehörte Informationen aufzunehmen, zu behalten und dann darüber zu referieren. Deshalb hat er sich jede Menge Podcasts aus dem Internet geladen, in denen es zum Beispiel um Literatur geht. Um besser Spanisch zu lernen, lässt er sich Hörbücher auf Spanisch vorlesen. Selbst bei schriftlichen Aufgaben hat er ständig Kopfhörer auf und hört Musik. „Manchmal schaue ich nebenbei auf dem Handy sogar einen Film“, erzählt er. „Das finden meine Eltern seltsam, weil sie meinen, dass man sich nur auf eine Sache konzentrieren kann. Aber mir hilft das sogar dabei, nicht auf andere Gedanken zu kommen oder mich ablenken zu lassen.“ Forscher haben herausgefunden, dass auditive Lerntypen oft Selbstgespräche beim Lernen führen oder sie erfinden ein Lied dazu, eine Art Ohrwurm.

Vincents‘ Tipp: „Sagt euch die Dinge laut vor. Das ist zwar beim Lernen im Schulbus etwas schwierig, aber zu Hause im eigenen Zimmer klappt das prima. Vorausgesetzt, man weiht andere Familienmitglieder vorher in das Geheimnis des Selbstreferats ein.“

Die besten Lernhilfen für auditive Lerntypen sind MP3s, Hörbücher, Vorträge, Musik.

Luisa, der kommunikative Lerner; Foto: Bernhard Huber

Der kommunikative Lerntyp

Luisa, 18 Jahre alt, 12. Klasse, Abitur 2017

Man nennt sie auch die Labertante, denn für sie ist es wichtig, sich mit dem Lernstoff in einem Gespräch auseinanderzusetzen und über Themen zu diskutieren. „Meine Eltern erzählen mir immer wieder, dass ich schon als kleines Kind ständig gefragt habe, warum dies so ist und nicht so, wie Sachen funktionieren, wer dafür verantwortlich ist“, erzählt Luisa. „Ich war wohl manchmal ziemlich nervig, weil ich für alles eine Erklärung brauchte.“ Zum Glück ist Luisas Freundin Anita auch ein kommunikativer Lerntyp. Mit ihr trifft sie sich regelmäßig, um beispielsweise über ein Matheproblem zu reden. „Wer mich alleine mit einem Buch in ein Zimmer sperrt, kann davon ausgehen, dass da nichts Vernünftiges herauskommt.“ Später will Luisa mal im Hotel arbeiten.

Luisas‘ Tipp: „Lass dich von anderen abfragen! Das klingt zwar ein bisschen so wie Hausaufgaben mit den Eltern in der fünften Klasse, aber das Reden hilft. Ich mache das mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder und er profitiert davon mindestens so wie ich.“

Die besten Lernhilfen für kommunikative Lerntypen sind Diskussionen, Frage-Antwort-Spiele, Talkshows im Fernsehen, Einzelgespräche mit Lehrern.

David, der visuelle Lerner; Foto: Bernhard Huber

Der visuelle Lerntyp

David, 18 Jahre alt, 12. Klasse, Abitur 2017

Wenn er sich etwas einprägen will, funktioniert es am besten durch das Lesen von Informationen und das Beobachten von Abläufen. „Ich liebe zum Beispiel Infografiken“, sagt David, „weil sie mir ein Problem viel besser veranschaulichen, als wenn jemand einen Vortrag darüber hält.“ Entsprechend möchte er mal Grafikdesign studieren. Visuelle Lerntypen arbeiten gerne mit schriftlichen Unterlagen und schreiben viel mit. David etwa kann sich Sachen auch über lange Zeiträume merken, wenn er diese gesehen oder darüber gelesen hat. Seine Bücher sind entsprechend voll mit unterschiedlich farbig markierten Stellen. In seinem Zimmer hängen an einem Flipchart mehrere Zettel, auf denen er einen Plan für seine Abiturvorbereitung in kleinen Bildern gemalt hat. „Geht das nicht auch digital auf dem iPad?“, fragte ihn neulich seine Freundin. „Nicht so gut“, meinte er daraufhin, „auch wenn es etwas altmodisch klingt, aber Papier funktioniert bei mir besser.“

Davids‘ Tipp: „Achtet darauf, dass in dem Zimmer, in dem ihr lernt, nicht zu viel Ablenkung oder Unordnung herrscht. Ich mache zum Beispiel die Rollläden runter, weil ich immer schaue, was draußen auf der Straße passiert. Ganz schlecht ist, wenn nebenbei ein Fernseher läuft.“

Die besten Lernhilfen für visuelle Lerntypen sind Bücher, Bilder, Zeichnungen, Plakate, Vokabeln auf Karteikarten.

Mona, der motorische Lerner; Foto: Bernhard Huber

Der motorische Lerntyp

Mona, 17 Jahre alt, 11. Klasse, Abitur 2018

Wenn sie sich etwas wirklich gut merken möchte, muss sie sich bewegen. Entweder die Finger, um zum Beispiel einen Würfel zu ertasten oder den ganzen Körper, um eine Distanz abzulaufen. „Alles, was ich erfühlen, bewegen, auseinander- oder zusammenbauen kann, bleibt in meinem Gehirn“, sagt Mona. Leider werde das bei Vokabeln kompliziert, aber in diesem Fall gehe sie einfach im Zimmer auf und ab. „Ich schreibe auch Karteikarten. Bei den wichtigsten Wörtern und Matheformeln habe ich mir die rechte obere Ecke meiner Karteikarten abgerundet. Seitdem kann ich mir sie besser merken.“ Wenn Mona von etwas erzählt, dann redet sie nicht nur, sondern nutzt auch ihre Hände und Arme.

Monas‘ Tipp: „Achte darauf, immer etwas in der Hand zu haben, wenn du lernst. Manche Inhalte in Büchern sprühe ich sogar mit einem Parfüm ein, weil ich mich dann besser daran erinnern kann, wenn ich selber diesen Duft an meinem Hand- gelenk rieche.“

Die besten Lernhilfen für motorische Lerntypen sind Tanz, Aktivitäten in Gruppen, Rollenspiele.

Augen auf!

Martin Krengel, Lerncoach und Autor, sagt von sich selber, dass er ein visueller Lerner sei. „Ich habe, festgestellt, dass mir Zuhören schwer fällt. Nicht nur, weil ich ein Mann bin, sondern weil ich es manchmal sogar nervig finde, Youtube-Videos oder Tutorials zu schauen. Ich lese dann lieber ein Buch über das Thema.“ Wenn er etwas liest, malt er sich ein kleines Bild neben die wichtige Stelle, eine Art Code. Diese kleinen Zeichnungen könne er sich besser merken, sagt Martin. Genau deshalb plädiert er dafür, unabhängig vom Lerntyp, den visuellen Kanal stärker zu nutzen. Also Bilder und Strukturen. Dass man Dinge wegstreicht, die man schon kann, um die Lernlast auch optisch zu reduzieren. „Wir nehmen tagtäglich Millionen Eindrücke aus unserer Umwelt über die Augen auf“, sagt der Autor, „deshalb ist der visuelle Kanal auch am stärksten ausgeprägt.“ 

Seine Theorie: Wir lernen einfacher, je visueller wir lernen und je mehr Sinne wir generell einbinden. Die besten Lerntipps hat Martin Krengel auf seiner Webseite www.studienstrategie.de zusammengestellt. Seine persönliche Strategie am frühen Morgen lautet: „eat the frog first“. „Das heißt, ich nehme mir immer zuerst eine große, wichtige oder unangenehme Aufgabe vor. Dadurch aktiviert man direkt zu Tagesbeginn das Gehirn, sodass es gar nicht erst in den Facebook-Modus kommt.“ Der Rest des Tages orientiert sich am Biorhythmus, was einen Mix aus denkintensiven Phasen und abwechslungsreichen Pausen bedeutet. Tipp: Konzentrationsphasen sollten nicht länger als 60 bis 90 Minuten sein, dann eine gedankenfreie Phase mit körperlicher Aktivität. Wenn also der Kopf beim Lernen wieder mal raucht: Eine kleine Pause machen, die Energy-Drink-Dosen, Pizzakartons und Schokoladenpapiere entsorgen und anschließend eine Runde durch den Park drehen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit für ein erfolgreiches Abi deutlich höher.

„Wir lernen einfacher, je visueller wir lernen und je mehr Sinne wir generell einbinden.”
Dr. Martin Krengel: Psychologe, Lerncoach und Autor des Buches „Bestnote – Lernerfolg verdoppeln, Prüfungsangst halbieren“
Buch von Martin Krengel

BUCHTIPP:

Martin Krengel „Bestnote – Lernerfolg verdoppeln, Prüfungsangst halbieren“ Eazybooks, 15,95 Euro

Test: Welcher Lerntyp bist du?

Eine Antwort pro Frage ist erlaubt. Entscheide spontan, was am ehesten auf dich zutrifft.

1. Wenn du dir nicht sicher bist, wie man ein Wort schreibt – was tust du?

(A) Ich spreche es laut vor mich hin.

(B) Ich schreibe es auf.

(C) Ich frage jemanden, der gerade mit dabei ist.

(D) Ich male es in die Luft.

2. Du wartest an der Kasse. Was machst du?

(A) Ich höre meinen aktuellen Lieblingssong.

(B) Ich schaue mich um, ob ich noch etwas brauchen könnte.

(C) Ich versuche mit der Person vor oder hinter mir zu reden.

(D) Ich wippe vor und zurück, um meine Füße zu lockern.

3. Wie bereitest du dich auf eine Prüfung vor?

(A) Ich lerne den Stoff aufwändig und sage ihn mir selbst vor.

(B) Ich lese das entsprechende Buch oder meine Notizen.

(C) Ich lasse mich von Bekannten ausfragen.

(D) Ich gestalte Merkkarten und lege diese vor mir aus.

4. Wenn du am Abend weg bist, an was erinnerst du dich am nächsten Tag?

(A) An die Musik, die gespielt wurde.

(B) An Gesichter.

(C) An bestimmte Aussagen, die gemacht wurden.

(D) An das Essen, das es gab.

5. Was regt dich beim Lernen am meisten auf?

(A) Baustellenlärm vor dem Haus.

(B) Eine unbequeme Sitzposition.

(C) Wenn kein Kumpel zu erreichen ist.

(D) Wenn ich deswegen den Sport absagen muss.

 

Auflösung:

Zähle zusammen, wie oft du den jeweiligen Buchstaben gewählt hast.

Am meisten A: Du bist eher der auditive Typ. Tipp: Beim Lernen von Vokabeln ergeben sich oft durch die Aussprache Eselsbrücken.

Am meisten B: Du bist eher der visuelle Typ. Tipp: Versuche, im Unterricht viel mitzuschreiben.

Am meisten C: Du bist eher der kommunikative Typ. Tipp: Gibt dir selber über den Lernstoff ein Interview.

Am meisten D: Du bist eher der motorische Typ: Versuche, den Lernstoff in einer eigenen „Gebärdensprache“ wiederzugeben.

Welcher Lerntyp bist du?
Mona, Vincent, David und Luisa haben eines gemeinsam: Sie lernen fast täglich für die Schule. Allerdings jeder auf seine ganz eigene Art und Weise.

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