Freiwilligendienst in Kambodscha:
Sinn und Suche

Fernweh stillen und Sinnvolles tun: Inmitten von Regenzeit, ostasiatischen Pagoden und Tuk-Tuks verbringt Gwendolin Ott (19) ein Jahr in Kambodscha.
Als freiwillige Helferin unterrichtet sie dort Englisch und unterstützt die „Save Children in Asia Organization“.

Autorin: Polina Boyko

Der Verkehr in der Hauptstadt Phnom Penh ist ein Gewusel aus Mopeds, Autos, Transportern und Tuk-Tuks.
Der Verkehr in der Hauptstadt Phnom Penh ist ein Gewusel aus Mopeds, Autos, Transportern und Tuk-Tuks.

„Eigentlich ist es hier immer schön – außer zur Regenzeit im Oktober. Da schüttet‘s ein Mal am Tag ordentlich“, erzählt Gwendolin Ott. Die Abiturientin sitzt auf dem Dach der Schule, in der sie unterrichtet und ein Zimmer bewohnt. Von der Straße dringen fröhliche Melodien einer Hochzeitsfeier herauf und treiben den ohnehin hohen Geräuschpegel nach oben. Laut ist es in Kambodscha oft. „Ich wache regelmäßig um drei Uhr nachts auf, weil laute Musik aus einer Pagode schallt, den typischen buddhistischen Gebäuden hier“, erzählt die 19-Jährige. „Viele religiöse Feste dauern bis in die Morgenstunden.“

Auf keiner Landkarte zu finden

Zwei Pagoden gibt es in Som Roungh, dem Dorf, das Gwen ein Jahr lang ihre Heimat nennt. Es liegt in der Nähe der Hauptstadt Phnom Penh. Während Gwen vom Schuldach dem bunt gekleideten Hochzeitspaar nachschaut, erklärt sie: „Som Roungh ist so klein, dass es auf keiner Karte der Welt zu finden ist.“ Hier unterrichtet die Abiturientin täglich zwei Stunden Englisch. Ihre Schüler sind etwa acht Jahre alt und lernen noch das Lesen und Schreiben der neuen Schrift, die so ganz anders ist, als die der Landessprache Khmer.

Gwens Arbeit ist wichtig: „Das Bildungssystem in Kambodscha ist leider ziemlich schlecht und die Möglichkeiten, sich auf Khmer zu informieren, sind sehr eingeschränkt. Buchläden führen zum größten Teil englischsprachige Literatur. Nur wer Englisch beherrscht, kann sich selbstständig weiterbilden.“ Zusätzlich assistiert Gwen einem Lehrer in einer höheren Klasse, gibt Gitarrenunterricht und leitet einen Tanzkurs. Auch um das Volunteer Management von „Save Children in Asia“ kümmert sich Gwen, also um die neuen Freiwilligen aus aller Welt.

Dass sie nach dem Abi ins Ausland will, wusste das Organisationstalent schon seit der achten Klasse. Aber erst der Kinofilm- Klassiker „Apocalypse Now“, der den Vietnamkrieg thematisiert, brachte sie auf Südostasien. Sie beschäftigt sich mit der Kultur und der Historie der Region und bleibt schließlich im Land zwischen Thailand und Vietnam hängen. „Kambodscha hat mich sofort verzaubert!“, erinnert sich Gwen. „Seine Geschichte und wie das Land gerade versucht, sich aus der Armut zu befreien – das fand ich sehr spannend!“

Drei Organisationen sind für Gwens Aufenthalt wichtig: Der Freiwilligendienst „Weltwärts“, der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen wurde und über den Gwen ihre Stelle fand. Darüber hinaus gibt es eine sogenannte Entsendeorganisation in Deutschland – in Gwens Fall das Deutsche Rote Kreuz Schleswig-Holstein – und die Partnerorganisation im Ausland, bei der man später arbeitet. Gwen unterrichtet für „Save Children in Asia“. „Weltwärts“ ist dabei nicht nur Vermittler, sondern auch Geldgeber für einen Großteil der Kosten für Flug, Unterkunft und Verpflegung. Den Rest decken die Entsendeorganisation und Spenden ab. Die Freiwilligen tragen nur die Kosten für Visum, Impfungen und die eigene Ausrüstung, also etwa Moskitonetz, Rucksack und Kleidung.

Ganz anders und trotzdem schön

„Ich weiß zwar nicht genau, was ich erwartet habe, aber es war definitiv etwas ganz anderes. Ich bin trotzdem sehr glücklich, dass ich nach Kambodscha gegangen bin“, sagt Gwen über ihren Aufenthalt. Viel selbstständiger und entspannter sei sie geworden, auch in Bezug auf kulturelle Unterschiede. Rücksichtnahme bedeutet in Kambodscha zum Beispiel etwas anderes: „Oberflächliche Dinge werden einem ins Gesicht gesagt, etwa ‚Wie lustig! Ihr Europäer habt so haarige Arme wie Affen!’. Aber wenn es um Aspekte der Persönlichkeit oder des Verhaltens geht, ist man viel vorsichtiger“, erzählt Gwen. Ob sie den Freiwilligendienst anderen empfehlen würde? „Auf jeden Fall! Man wird selbständiger und offener. Ich persönlich wollte vorher nie etwas Soziales machen – jetzt will ich es unbedingt.“ Ihr nächstes Ziel: ein Psychologie-Studium und ein weiterer Auslandsaufenthalt. „Ich möchte super gerne nach Indien, aber auch Schweden oder Kanada reizen mich. Beruflich würde ich gerne etwas im Zusammenhang mit Entwicklungsarbeit machen“, erzählt Gwen, während hinter ihr die Abendsonne die Pagode in goldenes Licht taucht. Bis dahin gibt es noch viel zu entdecken im schönen und schön lauten Kambodscha.

3 Tipps von Gwen: 

Projekt: „Sucht euch zuerst das Projekt aus, für das ihr arbeiten wollt. Überlegt euch, ob euch Struktur oder eher Laissez-faire gefällt und ob ihr mit Kindern oder Erwachsenen arbeiten wollt. Schaut euch unbedingt auch die Webseiten der Organisationen vor Ort an. Die Informationen sind oft viel aufschlussreicher als die auf der ,Weltwärts’-Seite.“

Impfungen: „Kümmert euch mindestens sechs Monate vorher um Impfungen und klärt mit eurer Krankenkasse, wer die Kosten trägt.“

Visum: „Ihr solltet ein sogenanntes NGO-Visum (Non-Governmental Organization; rund 50 Euro) in Deutschland beantragen, auch wenn das etwas umständlich ist. Das Business-Visum gibt es zwar vor Ort, ist aber für ein Jahr viel teurer (300 Euro).“

Mehr über Gwens Leben in Kambodscha könnt ihr in ihrem Blog erfahren: gweninphnompenh.wordpress.com

„Ich wollte nie etwas Soziales machen – jetzt will ich es unbedingt!”
Nach ihrem Kambodscha-Aufenthalt möchte Gwen (18) noch weitere soziale Projekte in Indien, Schweden oder Kanada unterstützen.
Gwendolin Ott (18) inmitten ihrer Schüler, denen sie in Kambodscha Englischunterricht gibt.
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Die Arbeit mit Kindern war für Gwen prägend: Sie will Psychologie studieren.
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Apsara-Tänzerinnen symbolisieren im Buddhismus Geister der Wolken und Gewässer.
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