Gut aufgepasst!

Jedes Jahr entscheiden sich Zehntausende dafür, Lehrer zu werden. Doch Lehramtsstudium ist nicht gleich Lehramtsstudium. Warum sich Cornelia, Florian und Matthias für diesen Beruf entschieden haben, erzählen sie hier. Und was ihre Schularten voneinander unterscheidet.

Autor: Simon Biallowons // Fotograf: Christian Kasper für absolut°karriere

Traumberuf Lehrer Für Matthias, Florian und Conny (v.l.n.r.) ist ihr Beruf mehr als ein Job. Er ist Berufung.
Traumberuf Lehrer Für Matthias, Florian und Conny (v.l.n.r.) ist ihr Beruf mehr als ein Job. Er ist Berufung.

Es gibt tausende Witze über Lehrer und viele beginnen mit der Frage: „Woran erkennt man einen Lehrer?“ Matthias ist einer von ihnen und seine Antwort darauf eine Bestätigung für ein bekanntes Vorurteil: „Als Lehrer wird man schnell zum Besserwisser. Wie im Klischee eben.“ Dieses Klischee mag stimmen. Die meisten anderen dagegen nicht.

Matthias Biallowons (28): angehender Gymnasiallehrer in Ottobrunn bei München, im letzten Jahr des Referendariats

Der Gymnasiallehrer

In Sachen Image ist der Gymnasialer der König unter den Lehrern. Und auch die Kohle stimmt, die Anzahl der Ferientage sowieso. Aber man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Die Korrekturzeiten sind nicht zu unterschätzen und in den Zeugniszeiten oder bei Abiturprüfungen kommt richtig Arbeit auf einen zu. Das ist bei Lehrern an anderen Schularten ähnlich, kann aber rein Mengenmäßig bei manchen Kombinationen am Gymnasium schon echt tough sein. Deshalb sollte man gut überlegen, ob man zum Beispiel mehrere Sprachen kombiniert und Geschichte noch draufpackt. Andererseits ist es von Vorteil, wenn man mehrere Fächer anbieten kann. Eine naturwissenschaftliche Begabung wiederum erhöht die Einstellungschancen, in den MINT-Fächern werden Lehrer gesucht. Aber bitte: Den Lehrerberuf sollte man wirklich nur ausüben, wenn man richtig Bock darauf hat. Geht’s nur ums Geld oder die Ferien, dann lieber Finger weg.

Tipp: Manche Schulen setzten sehr auf Lernlandschaften und nicht auf Frontalunterricht. Wer sich im Studium oder in Praktika damit beschäftigt, hat eventuell einen Vorteil bei der Stellensuche.

Matthias‘ Tipp für alle, die Gymnasiallehrer werden wollen: „Ein Lehrer kann nicht immer Everybody‘s Darling sein. Das muss man lernen. Gerade, wenn man im Unterricht einem Schüler, den man eigentlich mag, seine Grenzen aufzeigen muss. Aber nur so gelingt es, ein gerechter Lehrer zu sein. Und Gerechtigkeit ist etwas, das für mich als Schüler immer eine sehr große Rolle gespielt hat.“

Matthias ist 28 und am Gymnasium Ottobrunn im letzten Jahr des Referendariats. Der Vorbereitungsdienst, so nennt man die zwei Jahre im Amtsdeutsch, ist für viele die schwierigste Zeit des Studiums: „Man steht zwei Jahre unter permanenter Beobachtung. Sowohl von Schülerseite aus, bei denen man sich Respekt verschaffen muss, als auch von der Seite der Kollegen und der Leute, die einen bewerten“, erzählt Matthias und fügt hinzu: „Ich kenne viele, die nur schwer damit klarkommen.“

Das bestätigt auch Conny. „Stimmt schon, das Referendariat ist richtig viel Arbeit.“ Sie spricht das „schon“ ohne n und das a mit einem o. Conny kommt aus Wasserburg am Inn und hat ihren oberbayerischen Dialekt mitgebracht an die Städtische Berufsschule für Rechts- und Verwaltungsberufe in München. Sie stellt fest: „Das Problem ist, dass man oft nicht genau weiß, was einen erwartet. Ich zum Beispiel wusste es nicht.“

Cornelia Dietl (30) Lehrerin an der Städtischen Berufsschule für Rechts- und Verwaltungsberufe in München

Die Berufsschullehrerin

Schule schön und gut. Klar, Unterricht muss sein. Aber am Ende zählt, ob man das Gelernte auch in der Praxis anwenden kann. Man lernt ja eben doch für’s Leben und nicht für die Schule: Wer so denkt, für den ist Berufsschule eine echte Variante. 

Der Weg dorthin kann über eine Ausbildung führen oder auch klassisch über das Studium zum Lehramt an beruflichen Schulen sowie entsprechende Studiengänge zum Handelslehrer oder Berufspädagogen. Gut auch für Quereinsteiger, die sich nicht sofort zum Lehrersein berufen fühlen. 

Tipp: Ein Job an der Berufsschule genießt sicherlich nicht überall das Ansehen, das eine Stelle am Gymnasium mit sich bringt. Andererseits wissen viele überhaupt nichts über den Beruf des Berufsschullehrers. Und das kann ein großer Vorteil sein, wenn es zum Beispiel um Einstellungschancen geht. Zu bedenken: Kommt man auch damit klar, Schüler zu unterrichten, die unter Umständen älter als man selbst ist?

Connys Tipp für alle, die Berufsschullehrer werden wollen: „Ich habe ein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert. Hätte es mit dem Lehrerjob nicht geklappt, hätte ich so auch in der freien Wirtschaft arbeiten können.“

Als Conny mit dem Abitur fertig ist, ist sie auch mit der Schule fertig. Sie hat keine Lust mehr auf Theorie, will mehr Praxis und fängt eine Ausbildung in einer Rechtsanwaltskanzlei an. In der Berufsschlue merkt sie: „Das ist ein komplett anderer Unterricht. Alles was ich lerne, kann ich im Alltag brauchen. Plötzlich habe ich gesagt: ‚Berufsschullehrer, das wäre es. Anderen etwas weitergeben, was die wirklich nutzen können, das würde mir Spaß machen.’ Dann habe ich es einfach ausprobiert.“

Einfach ausprobiert ist die Kurzform für: Mit 24 die gute Berufsperspektive in einer Kanzlei aufgegeben, sich zum wirtschaftswissenschaftlichen Studium eingeschrieben und anschließend neun Semester studiert. Regelstudienzeit also. Das schaffen die Wenigsten. Selbst Conny würde auf der Skala von eins bis zehn, eine acht und damit den dritthöchsten Schwierigkeitsgrad vergeben. Doch das anspruchsvolle Studium bietet einen unschlagbaren Vorteil, wie Conny findet: „Mir war zwar klar, dass ich Lehrerin werden wollte. Aber es war beruhigend zu wissen, dass ich mich durch mein wirtschaftswissenschaftliches Studium wieder hätte anders entscheiden können.“

„Wäre es mit dem Lehrerjob nichts geworden, hätte ich auch in die freie Wirtschaft gehen können.”
Cornelia Dietl (30) Lehrerin an der Städtischen Berufsschule für Rechts- und Verwaltungsberufe in München

Wie schwer es sein kann, das zu machen, wofür man sich fünf lange Studienjahre angestrengt, wofür man gelernt und geschwitzt hat, davon kann Florian ausführlich erzählen. Macht der 36-Jährige auch. Und man merkt dem Augsburger Grundschullehrer an, dass ihm seine lange Wartezeit noch immer stinkt. Diese vier Jahre, in denen er nach seinem Studium keine Planstelle bekam, sich mit Nebenjobs über Wasser halten musste und über die er heute ehrlich verrät: „Für mich sind das vier verschenkte Jahre. Und wenn man mit 30 seine Eltern um Geld anpumpen muss, ist das schon hart.“

Doch dann ging es für Florian ganz schnell. „Ich hatte Englisch im Hauptfach studiert und mit 2,4 abgeschlossen. Das hat leider nicht gereicht, um gleich eine Stelle zu bekommen. Nach vier Jahren Wartezeit hat es geklappt. Jetzt bin ich Beamter auf Lebenszeit. Wenn man wirklich Lehrer werden will, wird man es.“

Florian Fink (36): Lehrer an der Wittelsbacher-Grundschule in Augsburg

Der Grundschullehrer

An einer Grundschule muss man mehr Erziehungsaufgaben übernehmen als am Gymnasium, kann die Persönlichkeit der Kleinen aber mit entwickeln und verdient besser als zum Beispiel im Kindergarten. Außerdem kann man vielseitig unterrichten und hat etwa Sport, Musik und Mathematik zusammen auf dem Stundenplan. Auch Fremdsprachen werden an Grundschulen angeboten. 

Wer Grundschullehrer werden will, für den ist wichtig,  Spaß an der Arbeit mit kleinen Kindern zu haben und sich auch über Mini-Fortschritte freuen zu können. Goethe wird hier nicht gelesen, geistige Tiefe bei den Themen also nicht geboten. Die Fähigkeit, die vor allem zählt, ist: Geduld, Geduld und noch einmal Geduld. 

Tipp: Wer nicht gleich in Deutschland etwas kriegt oder die Bezahlung im Vergleich zu anderen Lehrern sowieso eine Frechheit findet, der kann sich einmal in der Schweiz umsehen. Dort werden nicht selten deutsche Grundschullehrer mit Handkuss genommen. 

Florians Tipp für alle, die Grundschullehrer werden wollen: „Du weißt nie, was dich erwartet. Mit Kindern zu arbeiten, ist sehr abwechslungsreich. Das macht diesen Beruf so spannend. Und so schön!

Conny, Matthias und Florian waren keine Überflieger in der Schule. Niemand von ihnen dachte: Hey, ich werde Lehrer. Matthias betont: „Wer am Gymnasium in einem Fach nur Durchschnitt ist, kann es trotzdem unterrichten. Die Uni bringt dir die fachliche Eignung bei. Wenn du Deutsch oder Biologie wirklich liebst, dann kannst du auch Deutsch- oder Biolehrer werden.“

Das Lehramtsstudium selbst dauert unterschiedlich lange, abhängig von der Schulart. Die Regelstudienzeit reicht von sieben Semestern für die Grund- und Mittelschule bis zu zehn fürs Gymnasium oder die Berufsschule. Erst kommt der Bachelor-Abschluss, dann der Master. „Man muss sich klar sein:“, rät Conny, „für Berufsschule und Gymnasium muss man einen Master machen. Der Bachelor reicht nicht.“

Neben diesem Tipp, geben die drei noch weitere. Matthias empfiehlt von Anfang an strukturiert zu lernen und sich während der Semesterferien Auszeiten zu nehmen. Conny warnt, sich von kurzfristigen Prognosen beeinflussen zu lassen, welches Fach gerade in ist (Ausnahme: Die MINT-Fächer, dort werden in vielen Bundesländern händeringend Lehrer gesucht). Sie verrät, dass gerade an der Berufsschule ein zweites, echtes Unterrichtsfach sehr gerne gesehen wird, im Moment in Bayern Englisch. Mehrere Jahre studieren also. Zwei Jahre Druck im Referendariat. Und dann nicht einmal mit Sicherheit einen Job: Warum soll man das machen? „Weil es ein Beruf ist, der unglaublich bereichert“, fasst Florian knapp zusammen.

„Junge Menschen zu begleiten und ihnen fachlich und menschlich etwas beizubringen, das ist etwas Wunderbares – klingt geschwollen, aber wo hat man das so schon.”
Matthias Biallowons (28): angehender Gymnasiallehrer in Ottobrunn bei München, im letzten Jahr des Referendariats

Dass Lehrer wenig Arbeit und viel Ferien haben und nur deshalb Lehrer geworden sind, ist ein Klischee. „Das stammt von Leuten, die entweder neidisch sind oder nichts über unseren Beruf wissen. Oder beides zusammen“, kommentiert Florian. Tatsächlich müssen Lehrer heute richtig ackern. Nach einer Erhebung des Handelsblatts arbeitet ein deutscher Lehrer 1.793 Stunden im Jahr (Bundesdurchschnitt: 1.645 Stunden). Am Anfang liegt der Aufwand sogar höher, wenn man noch keine Routine hat. Matthias schätzt, dass er in der Woche locker 40 Stunden arbeitet. Florian sitzt jeden Sonntagnachmittag am Schreibtisch und Conny rechnet eine Stunde Vor- und Nachbereitung pro Schulstunde. In der Woche hat sie 24 Schulstunden – also 72 Stunden Arbeit.

Alle Lehrer nur faule Säcke? Stimmt nicht. Und wenn schon. Lehrer sollen ruhig etwas mehr arbeiten, schließlich werden sie toll bezahlt. Nun, schlecht verdienen sie nicht. Brutto sind das von circa 40.000 Euro (Grundschule) bis zu 48.000 Euro (Sekundarstufe II) – zum Einstieg versteht sich. Jedoch bestehen erhebliche Unterschiede, wie diese Zahlen zeigen. Zudem macht es einiges aus, ob man in Berlin oder Bayern unterrichtet, ob man Beamter oder Angestellter ist. Auch für Conny, Florian und Matthias ist das Gehalt nicht das Entscheidende: „Ich habe im Studium einige Bürojobs gemacht und mich oft am dritten Tag gelangweilt“, erzählt Florian.

„Als Lehrer ist jeder Tag anders. Du weißt nie, was dich erwartet. Einfach deshalb, weil man mit Menschen arbeitet.”
Florian Fink (36): Lehrer an der Wittelsbacher-Grundschule in Augsburg

Aber was macht einen guten Lehrer aus? Die Liebe zum Fach, mit Sicherheit. Geduld, ohne Frage. Auch Charisma schadet nie. Und wenn man auch in einfachen Sätzen erklären kann, hat man es fast geschafft. Was fehlt also noch? Etwas, wozu Matthias von seinem ehemaligen Deutschlehrer inspiriert wurde: „Was mich bei ihm am meisten beeindruckt hat: Er war gerecht. Das versuche ich auch zu sein. Es ist aber nicht immer einfach. Gerade, wenn man jemandem, den man eigentlich mag, seine Grenzen aufzeigen muss. Ein Lehrer kann nicht immer Everybody‘s Darling sein. Auch das muss man lernen.“

Unmotiviert, nur auf Sicherheit bedacht und vor allem faul: Es gibt viele Klischees über Lehrer und fast alle sind genau das, Klischees. Klar, am Bild vom Lehrer als Besserwisser ist was dran. Nicht nur Matthias, auch Florian bestätigt diese Neigung. Ganz wie es ein beliebter Lehrerwitz sagt: „Was ist der Unterschied zwischen Lehrern und Gott? Gott weiß alles, Lehrer wissen alles besser!“

Ach ja, die Lehrerwitze. Frage an Florian per Telefon: Welcher Witz drückt am ehesten etwas aus, das wirklich stimmt? Florian lacht und wiegelt ab „Ich kenne nicht so viele Witze.“ Dann fällt ihm doch einer ein: „Woran erkennt man einen Grundschullehrer?“ Pause. „Am laminierten Einkaufszettel.“ Im Hintergrund piept es. „Bist du gerade im Supermarkt?“ Jetzt lacht Florian noch lauter: „Richtig. Gut aufgepasst!“

So wirst du Lehrer

So wirst du Lehrer

Der Weg ist verschieden: Dauer und Anforderungen unterscheiden sich nicht nur von Schulart zu Schulart, sondern auch von Bundesland zu Bundesland. Hier zeigen wir dir beispielhaft die Gymnasiallehrerausbildung in Baden-Württemberg.

Abi fertig? Dann steht deiner beruflichen Karriere jetzt nichts mehr im Weg.

Wird online über das Wissenschaftsministerium gemacht. Zum Studienbeginn ist der Nachweis Pflicht.

Dauert zwei Wochen. Der Nachweis über das erfolgte Vorpraktikum kann bis zum 3. Semester erbracht werden.

Findet nach dem 2. Semester statt. Ziel: Sehen, ob die Entscheidung richtig war.

Findet nach dem 4. Semester statt.

Jetzt wird‘s happig: Pro Fach steht eine Stunde mündliche Prüfung an. Plus insgesamt eine Facharbeit.

In Baden-Württemberg dauert das „Ref“ 18 Monate. In dieser Zeit stehst du permanent unter Beobachtung.

Hier wird geprüft, ob du definitiv für den Unterricht geeignet bist. 


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